Repräsentativ und tendenziös
02.04.2025, 11:27 Uhr
Kfz-Versicherer präsentiert Studie zu „riskanten Radlern“
Wäre die Meldung gestern erschienen, könnte man an einen Aprilscherz denken. Doch die Studie eines Kfz-Versicherers ist tatsächlich – auf den ersten Blick – repräsentativ und rückt Radfahrende in eine verantwortungslose Ecke. Eine kommentierende Einordnung.
DA Direkt ist eine Tochtergesellschaft der Zurich Gruppe Deutschland mit Beitragseinnahmen (2023) von 309 Millionen Euro und rund 1,39 Millionen Versicherungsverträgen. Für eine repräsentative Studie, genannt Ablenkungsstudie, wurden durch das Umfrageinstitut Infas Quo im Oktober 2024 deutsche Autofahrerinnen und Autofahrer ab 18 Jahren, die regelmäßig (mind. zwei- bis dreimal die Woche) im eigenen Wagen/Geschäftswagen unterwegs sind (n = 2.145), online befragt. Darunter waren auch Fahrradfahrende, die regelmäßig (mind. zwei- bis dreimal die Woche) mit dem Fahrrad unterwegs sind (n = 722). Die Ergebnisse sind laut Infas Quo repräsentativ innerhalb dieser Zielgruppen.
Laut der Studie erleben 68 Prozent der Autofahrerinnen und Autofahrer, dass Radfahrende sich nicht an Regeln halten und beispielsweise Einbahnstraßen missachten. Diese Wahrnehmung teilen auch 63 Prozent der befragten Radfahrenden. Zudem erleben sechs von zehn Autofahrerinnen und Autofahrern demnach immer häufiger, dass sich Radfahrende rücksichtslos gegenüber Autofahrenden verhalten. Umgekehrt stellen lediglich 39 Prozent der befragten Radfahrenden eine solchen Tendenz bei Autofahrerinnen und Autofahrern fest. Es stellt sich in diesem Moment tatsächlich die Frage, wie die „Rücksichtslosigkeit“ von Radfahrerinnen und Radfahrern gegenüber den Autoinsassen definiert wird. Leider gibt die Studie darüber keinen Aufschluss.
Bild vom rücksichtslosen, Regeln missachtenden Radler
Faszinierend sind auch die Studienergebnisse über vermeintliche Ablenkungen beim Radfahren wie die Nutzung technischer Geräte am Lenker, beispielsweise einem Tacho, die Navigation per Smartphone, das Hören von Musik, das Trinken oder das Telefonieren. Natürlich ist das Telefonieren mit dem Handy in der Hand verboten, aber ebenso wie im Auto mit einer Freisprecheinrichtung erlaubt, wenn das Handy am Lenker bleibt und Umgebungsgeräusche weiterhin wahrnehmbar sind. Doch die Studie suggeriert in diesem Fall, dass die Mehrheit der Radfahrenden Regeln nicht so genau nimmt und sich ablenken lässt.
Es wirkt beinahe schon ironisch, dass die Studie auch auf das Thema Unsicherheit im Verkehr eingeht, dabei aber nur Faktoren wie fehlende Markierungen, unzureichende Trennung von Straßen und Radwegen sowie unübersichtliche Verkehrsführungen genannt werden. Rücksichtslose Autofahrerinnen und Autofahrer scheinen nicht zu existieren.
Es steht zu erwarten, dass die Studie vielfach in Medien zitiert wird. Das Bild von „Rambo-Radlern“ wird dadurch für viele Fahrradgegner bestätigt. Nichtsdestotrotz bleibt zu hoffen, dass dennoch einige Menschen reflektiert die Studie hinterfragen. Am Ende sind wir nämlich im Verkehr nicht Gegnerinnen und Gegner, sondern gemeinsame Teilnehmende, die alle gesund und entspannt ans Ziel kommen möchten – egal ob auf dem Rad oder im Auto.